Animierter Poesiefilm nach dem Gedichtband El Canto de las Moscas von María Mercedes Carranza, 1998 Regie: Ana María Vallejo Animation: Laura Victoria Delgado, Catalina Giraldo Vélez, Diana Menestrey S., Sandra Reyes, Bibiana Rojas Gómez, Alejandra Tilano, Cecilia Traslaviña, Ana Maria Vallejo Sounddesign: María Carolina Lucio Gesang und Komposition: Manuela Puerto Jahr: 2021 / Länge: 44 min Land: Kolumbien, Deutschland, Tschechien
[ Anmerkung : Die Regisseurin und Animatorin Ana María Vallejo und die Animatorin Catalina Giraldo sind ehemalige Dozentinnen der Verfasserin, die Animatorin Sandra Reyes eine frühere Kommilitonin. ]
El Canto de las Moscas ist ein animierter Poesiefilm als audiovisueller Dialog zwischen 9 kolumbianischen Künstlerinnen, basierend auf einem Gedichtband von María Mercedes Carranza (1945-2003) von 1998, bestehend aus 24 kurzen Gedichten, oder „Cantos“ – Liedern, die Namen kolumbianischer Dörfer tragen, die in den 90er Jahren dem bewaffneten Konflikt zum Opfer fielen und durch Massaker verwüstet wurden.
Ich habe einen Teil des Films, den letzten Abschnitt „Noche” im „Internationalen Wettbewerb II“ auf dem ZEBRA Poetry Film Festival in Berlin gesehen. Der 15-minütigen Filmteil wurde in einem Block mit 10 anderen Animations, Real- und Experimental- Poesiefilmen präsentiert. Später hatte ich die Möglichkeit, den gesamten Film über einen Link anzuschauen.
Der Film beginnt mit Grillenzirpen, dem Summen von Fliegen, dem Zwitschern der Vögel und dem Rauschen des Wassers, untermalt mit dunklen elektronischen Klängen. Animiert wird mit Erde und Licht, dann kündigen eine weibliche Stimme und eine Animierte Titelsequenz den Namen des ersten Dorfes an: 1:00h – Necoclí.
Canto 1 NECOCLÍ
Quizás el próximo instante de noche tarde o mañana en Necoclí se oirá nada más el canto de las moscas
Canto 1 NECOCLÍ
Vielleicht wird man im nächsten Augenblick am Abend, Mittag oder Morgen in Necoclí nichts weiter hören als den Gesang der Fliegen.
Aus diesem ersten Gedicht ergibt sich neben dem Titel EL CANTO DE LAS MOSCAS die Gliederung in die drei Teile Mañana – Tarde – Noche (Morgen – Mittag – Abend), die jeweils ca. eine viertel Stunde lang sind und auch als eigenständige Filme funktionieren. Ein 44-Minütiger Animationsfilm ohne konkrete Handlung ist eher ungewöhnlich, doch der Film beschreibt eben keine Handlung, er setzt nicht die Taten in Szene, sondern beschreibt eine Leerstelle durch die Zerstörung des Landes und die kollektive Trauer in Form eines visuellen Gedichtbandes. Der Film geht von Dorf zu Dorf, begleitet von unterschiedlichen Animationen und den kurzen, prägnanten Gedichten Maria Mercedes Carranzas.
Die Gedichte werden mal gesprochen, mal gesungen, manchmal geflüstert und wiederholt, wie ein unheimliches Wiegenlied, das zu beruhigen versucht, dann wieder laut und anklagend, wie das Singen einer Person, die in ihrer Verzweiflung selbst besänftigt werden möchte. Dazwischen viel Schweigen, in dem nur die filigrane Geräuschkulisse von María Carolina Lucio zu hören ist, eine Landschaft, die zum Teil aus Meeresrauschen Trommeln, Grillenzirpen, Rasseln oder dem „Gesang der Fliegen“ besteht, immer dunkel und beschwörend. Diese düstere Klanglandschaft ist omnipräsent und wie ein roter Faden, der die Teile vereint.
Die Dörfer befinden sich in ländlichen Gegenden, in unterschiedlichsten Regionen Kolumbiens, und sind oft so klein, dass sie auf der Landkarte fast nicht zu finden wären. Der traurige Grund, warum ihre Namen vielen Kolumbianern doch vertraut sind, ist dass in diesen kleinen Dörfern in den 80er-und 90er Jahren Massaker stattgefunden haben, und sie durch den bewaffneten Konflikt verwüstet wurden, der seit über fünf Jahrzehnten in Kolumbien herrscht. Mapiripan, Segovia, Miraflores, sind drei der bekanntesten von ihnen.
Die ursprüngliche Anordnung der Dörfer im Gedichtband wurde beibehalten, nur die Nummerierung der Gedichte wurde durch Uhrzeiten ersetzt, die vor jedem Dorfnamen erscheinen. Der Film beginnt um 1:00 Uhr nachts und endet mit dem letzten Film 24:00h – Soacha: so werden die 24 Gedichte zu den 24 Stunden des Tages und die drei Filmteile zu Tageszeiten, die visuell durch Farbwechsel in den vorherrschenden Farben der Animationen und Titelsequenzen begleitet werden. Eine geschickte Art und Weise, die ursprüngliche Anordnung beizubehalten und dem Film eine zeitliche Struktur zu geben, die trotzdem zeitlos ist. Wie Juan Liscano über Maria Mercedes Carranzas Gedichte schreibt:
„Das Leben und der Tod stehen sich gegenüber in einer metaphysischen Zeit, der der Erinnerung, der einzigen wirklichen Zeit.“
(zitiert in Carranza, María Mercedes. El Canto de las Moscas. (Versión de los acontecimientos), Arango Editores, S. 29.)
Der Film schafft so eine weitere Ebene, er reiht die Ereignisse in einen fiktiven Tagesablauf ein, herausgelöst aus der realen Chronologie der Ereignisse, aneinandergereiht und bestimmt durch den Rhythmus der Natur. Gleichzeitig impliziert die zeitliche Struktur auch einen Zyklus, etwas, das sich immer wiederholt, und das zum Alltag geworden ist, wie auch viele der Dörfer wieder und wieder Opfer dieses Konflikts werden und die Menschen mit den Folgen leben müssen. So wird es aber auch deswegen wie ein Mantra wiederholt, um es eben nicht im Alltäglichen zu vergessen. So lautet auch der Untertitel des Films: An Iteration of Violence – eine Wiederholung der Gewalt.
Die Gewalt wird aber weder in den Gedichten, noch in den Animationen explizit genannt, im Zentrum El Canto de las Moscas steht die Natur als ein verwundeter Körper. In den Gedichten sind die einzigen Protagonisten der Wind, die Wolken, die Erde, Blumen, Vögel und Flüsse, immer gezeichnet von Gewalt, Zerstörung und Tod. Menschen werden nicht konkret genannt, manchmal taucht ein alguien, ein jemand auf, einzelne Körperteile, Schritte, Fleisch werden erwähnt, aber nur wie Überbleibsel menschlichen Lebens, das ausgelöscht wurde. Menschen, die vertrieben wurden oder verschwunden sind.
Canto 5 ENCIMADAS
Bajo la tierra de Encimadas el terror fulgura aún en los ojos florecidos sobre la tierra de Encimadas.
Canto 5 ENCIMADAS
Unter der Erde von Encimadas glüht der Terror noch in den blühenden Augen über der Erde von Encimadas.
In den Animationen jedoch tauchen Menschen auf, oft sind es nur Umrisse und Schatten, nie haben sie eine Stimme. Für Encimadas arbeitet Catalina Giraldo mit Cutouts an dieser Visualisierung eines verlorenen Paradieses. Sie animiert winzige Häuser auf riesigen Blättern in einer nebligen aber friedlichen Landschaft: Doch der Sturm lässt nicht lange auf sich warten und es beginnt zu regnen. Die Blätter fallen und mit ihnen die Häuser, bis man sich in einer dunklen Landschaft wiederfindet, die sich als die Umrisse riesiger Gesichter offenbaren, die wie unheimliche Wellen eines Meeres aus Toten die Blätter verschlingen. Sie schreibt: “This poem reminds me of my origin and the tragic story of abandonment of land that once smelled of coffee and afterwards there was only coca pouring.” Da alle der beteiligten Künstlerinnen ebenfalls kolumbianische Frauen sind, die ihren eigenen Bezug zu diesen Gedichten haben, ist dieses Projekt nicht nur eine bloße visuelle Übersetzung der Gedichte, sondern wie eine Bestandsaufnahme der heutigen Situation, sie reichern die Gedichte mit ihren eigenen Bildern an.
Die Künstlerinnen kommen zwar alle aus Kolumbien, sind aber über verschiedene Länder verstreut; über Online-Treffen haben sie sich organisiert und jede der Animatorinnen hat eines der acht Gedichte in jedem der drei Teile Morgen – Mittag – Abend animiert. Die Titelsequenzen der Uhrzeiten und Dorfnamen der Regisseurin Ana María Vallejo dazwischen halten die einzelnen Teile zusammen und sind wie ein Gerüst, die sensible Geräuschkulisse von María Carolina Lucio und der beschwörende Gesang Manuela Puertos und der Text bündelt die Einzelteile zu einem starken, kollektiven Ganzen.
Die Diversität und Unterschiedlichkeit der einzelnen Personen spiegelt sich in den einzelnen Animationen wider. In der Vielfalt der Animationen lassen sich fast alle Techniken finden: digitale Animation, Legetrick mit Papier, Texturen, Erde, Blättern, Knetanimation, Stift und Kohle, Tinte auf Glas, Gips, Zement, Licht und Schatten und dadurch unterschiedliche Materialitäten. Animation als eine „Beseelung“ von leblosen Dingen ist hier die perfekte Ergänzung zu den ausgestorbenen, geisterhaften Landschaften, die Maria Mercedes Carranza darstellt. Manche der Animatorinnen arbeiten mit Zeitungsbildern- und Berichten über die Massaker, die das Geschehene aber immer nur andeuten, wie eine verblichene Erinnerung, die sich ins kollektive Gedächtnis gebrannt hat.
Animation des “Pájaro Negro” in Soacha (Canto 24) von Sandra Reyes
Die Animation funktioniert hier wie eine visuelle Ergänzung der Gedichte, und reichert die Textebene mit kulturellen und geografischen Referenzen an, immer in Hinblick auf ihre Zerstörung und Ausbeutung. Beispielsweise im Canto über Caldono greift die Animation indigene Muster auf und auch hier: Es sind keine Menschen zu sehen, nur wie von Geisterhand gezeichnete, tanzende Muster in orangenem Lehm, der schließlich austrocknet. Laura Delgado bezieht sich dabei auf den Kampf der Nasa und Misak Stämme, „sie überträgt Kraft und Leben, indem sie Symbole von Erde, Tod und Wiedergeburt benutzt, die typisch für deren Kultur sind“, und widmet sich den indigenen Stämmen, die unverhältnismäßig oft dem Konflikt zum Opfer fallen.
Die unterschiedlichen indigenen Stämme tauchen auch in Mustern anderer Animationen auf: die Wayúu, ein matriarchaler Stamm im Norden Kolumbiens aus webenden Frauen, für deren Identität die geometrischen Muster eine entscheidendes Element sind, spielen eine Rolle in den poetischen geometrischen Schattenspielen in Uribia von Catalina Giraldo Vélez, begleitet von den Klängen einer Trommel und Rassel, oder ihrer Animation für Sotavento, Teil des Territoriums der Zénu Indigenen, die für ihre Webarbeiten mit einem Binsengras bekannt sind, aus dem sie ihren typischen Hut flechten. Catalina Giraldo animiert die Kreise auf dem Wasser fallender Tropfen mit den Ringen traditioneller Webarbeiten. Ein subtiles und gleichzeitig kraftvolles Bild: „Sad Zenú history in spiral safeguarded in the threads of a hat, the cultural symbol of a country that crowns thieving kings and rewards others with displacement and death.“ (Quelle)
Schattenmuster in Uribia (Canto 13) von Catalina Giraldo Vélez
Oder Pájaro, im Norden Kolumbiens am karibischen Meer, besitzt die größten Salzminen und Gasreserven im Land und ist auch Heimat der Wayúu Indigenen.
Canto 12 PÁJARO
Si la mar es el morir en Pájaro la vida sabe a mar.
Canto 12 PÁJARO
Wenn das Meer das Sterben ist schmeckt in Pájaro das Leben nach Meer.
Ana María Vallejos Clip bezieht alle diese Elemente in ihre Animation mit ein – sie animiert mit weißem Sand, auf dem Vögel ihre Fußspuren hinterlassen, Sand, der sich zu webenden Händen formt, gemischt mit einem rotem Stoff, auf den mal der Name des Dorfes gestickt ist, der mal zu kleinen Fliegen wird. Sie schreibt: „The sea and the fabric knitted by women have a repetitive movement. I imagine them knitting their own pain. The paramilitary attacks destroy everything. Afterwards, the sea and life continue their course.“ (Quelle)
Aber auch die Bodenschätze und Landwirtschaftlichen Güter, die Lebensgrundlage und Konfliktpunkte zugleich sind, tauchen in den Animationen auf: So erscheinen Kaffee und Gold in einer digitalen Collage in Taraira von Alejandra Tilano, in einer alltäglicher Szene mit einer schwankenden Kaffeetasse auf einer bestickten Tischdecke, aus der schwarz bemalte Hände nach dem Gold greifen: “In Taraira – the memory of life – hurts. – Tomorrow – it will be dust and oblivion.”
El Canto de las Moscas zeichnet eine Landkarte, ohne zu zeigen, wo sich diese Orte befinden, anzudeuten, von welcher Gruppierung das Massaker ausging, oder wann es stattgefunden hat. Die Massaker und die Gewalt, die das Land seit fast 50 Jahren bestimmt, halten bis heute an und haben sich durch das Friedensabkommen 2016 nicht verbessert. “Der Terror glüht noch unter der Erde”, wie es in Encimadasheißt, “in den blühenden Augen über der Erde”. Und die Erde vergisst nicht. Mit den Gedichten heute zu arbeiten, heißt eben auch, sie nicht nur als etwas Historisches zu betrachten, sondern als etwas, das, obwohl es über 20 Jahre zurückliegt, immer noch andauert, auch wenn die Dörfer heute vielleicht andere Namen haben.
„Wir sind ein geografisches Gebiet ohne Staat, das in Lehen aufgeteilt ist, die von der allgemeinen Kriminalität und den verschiedenen illegalen bewaffneten Gruppen umkämpft werden: “Guerillas”, Paramilitärs, Drogenkartelle und keine, die einen ideologischen Norden haben oder andere Ziele als Profit aus Kriminalität und Drogenhandel verfolgen.“
So sind eben diese Gruppen, die das Land zerstören, auch diejenigen, die das Bild des Landes heute dominieren. El Canto de Las Moscas kann daher auch als eine Weigerung verstanden werden, dieses klischeebehaftete Bild Kolumbiens mitzugestalten. Der Gedichtband richtet seine Aufmerksamkeit auf die Verletzungen, er vereint die vereinzelten kleinen Dörfer und und eine Vielzahl von Stimmen zu einer starken Stimme. Der Film führt dies mehr als zwei Jahrzehnte später fort und stellt der Poesie Maria Mercedes Carranzas eine menschliche Stimme und 9 weitere Künstlerinnen zur Seite, die mit ihren Stimmen, Materialien, Farben und Klängen diesem immer noch so gültigen Gedichtband neuen Ausdruck verleihen. So endet Maria Mercedes ihren Artikel mit einer optimistischeren Botschaft über die Macht von Kunst und schreibt
„von der Notwendigkeit, Kugeln durch Worte zu ersetzen; von der Poesie als Vermittler zwischen Ohnmacht und Realität, zwischen Angst und Realität, zwischen Fatalismus und Realität; von der Poesie – kurz gesagt – als Waffe, um die Präsenz des Lebens und der Liebe zu bekräftigen und durchzusetzen: gegen den Tod, das Leben.“
Dieses kollektive Filmprojekt bewahrt daher nicht nur die Schrecken des bewaffneten Konflikts im kollektiven Gedächtnis, sondern erinnert gleichzeitig auf eine sensible und poetische Weise an das, was es zu schützen gilt.
Lucia Schmidt (DE)ist Absolventin der Bauhaus-Universität Weimar in den Studiengängen Visuelle Kommunikation und Media Arts & Design, und arbeitet als bildende Künstlerin und Designerin vor allem mit Bewegtbild als Hybrid: Sie kombiniert Cutout mit digitaler Animation, Collage, Stop-Motion und Projection Mapping in Filmen und Installationen.
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